Reisebericht: Naturkundliche Rundreise – España Verde

30. August 2010 - Admin

Reisebericht von Gertraud Gleichmann

Spanische Atlantikküste zwischen Lastres und Isla

So als Schreibtischtäter und durchschnittlich an Natur Interessierte hatte ich erst Hemmungen, auf eine naturkundliche Reise zu gehen. Diese Skepsis war völlig überflüssig. Im Gegenteil, ich kam mir schließlich vor wie ein neugieriger Hund, der endlich einmal losgelassen wird und alles bestaunen und beschnüffeln kann. Ich betrachte nun meine Bilder und denke: „Es war einfach herrlich!“

Ich beginne in Lastres, einer kleinen wunderschönen Hafenstadt an der spanischen Atlantikküste. Es ist Samstagabend und wir schlendern mit den einheimischen Urlaubern durch die Hafengassen. Bei 15% Straßensteigung plus 30% Absatzneigung vollbringen viele Damen in Ausgehkleidung wahre akrobatische Leistungen. Denn der Ort ist an die Felsküste geklemmt und die Straßen bestehen quasi aus Steigungen und Treppen. In einer Hafenbodega beginnt der Urlaub dann wirklich, so mit einem ersten Gläschen Rotwein und Blick aufs Meer.

Dino-Spuren bei Lastres & Dino-Museum Muja

Am nächsten Morgen stellt sich vor dem Ausflug die Schuhwerkfrage erneut. Wanderschuhe oder Halbschuhe? Stephan Martens nennt es einen Spaziergang. Ich ziehe sicherheitshalber die Wanderschuhe an. In der nächsten Bucht geht es los. Wir laufen auf einem wunderbaren Spazierpfad und ich komme mir ein wenig blöde vor mit meinen  dicken Schuhen. Schon nach 100 m stoßen wir auf die erste Attraktion. Dinosaurierspuren versteinert am Strand. So richtig echte Spuren – das ist mal was. Man hat ja schon so viel davon gelesen und gehört. Es ist aber eine ganz irre Vorstellung, dass genau an dieser Stelle damals ein Dino gestanden hat.

Wir laufen weiter an der Küste entlang. Es ist atemberaubend schön. Nebenbei erklärt Stephan allerlei Pflanzen und Getier. Es ist alles perfekt an den Lebensraum auf Felsen und Wind angepasst. Viele Pflanzen entwickeln kleine Härchen oder weißliche Wachsschichten zum Schutz, wie z.B. beim Borretsch Stängel und Blätter borstig behaart sind. Ich verwechsle die Pflanze prompt mit dem russischen Nationalgericht Borschtsch. Das hat aber nix damit zu tun. Nach und nach entdecke ich immer mehr interessante Pflanzen und Stephan erklärt uns geduldig alle Unterschiede zu den heimischen Gewächsen.

Mauereidechse (Lacerta muralis) auf Wanderung

Nach einem Erfrischungsgetränk in Isla laufen wir Inland zurück nach Lastres. Irgendwann besteht mein Mann auf eine Abkürzung und sehr bald stehen wir mitten im Dickicht. Wir sind befinden uns in guter Gesellschaft. 50 m rechts von uns kämpft sich ein spanisches Urlauberpärchen durch die Macchia – wie es im Spanischen heißt. Nicht zu verwechseln mit dem italienischen Latte Macchiato. Hatte ich schon gesagt: „Mal gut, dass ich meine Wanderschuhe angezogen habe?“ Also diese Maccia ist eigentlich nur mit einer Machete zu erobern und wir preschen uns also durch die Büsche in Richtung Küste. Dann kommt eine Erdspalte. Zugewachsen mit Königsfarn und den auch bei uns nur allzu gut bekannten Brennnesseln. Eigentlich sind wir ja auch hier, um Flora und Fauna zu studieren. Auf Skorpione und Schlangen  kann ich in dieser Situation jedoch mehr als verzichten. Sagte ich es bereits? Ich liebe meine Wanderschuhe. Mit einem beherzten Sprung springt Stephan mit ausgebreiteten Armen in das nesselige Loch, um zu sehen, wie tief es ist und hilft uns über den Graben. Es gibt nun keine Hindernisse mehr zwischen uns und dem Wanderweg und wir sind nun bald wieder an der Aussichtsplattform für die Dinospuren. Die Leute, die mir in Flipflops entgegen kommen sind mir auch völlig egal. Wir legen uns ein Stündchen an den Strand. Das haben wir uns verdient.

Nachmittags fahren wir noch zum Dinomuseum Muja und schauen uns die zu den Spuren gehörenden Dinos in Lebensgröße an. Sehr beeindruckend und toll gemacht. Auf spiralförmigen Ebenen werden die Besucher durch die Entwicklungsstufen geführt. Im Zentrum stehen Nachbildungen in Lebensgröße, die man sich so aus verschiedenen Perspektiven ansehen kann. Das Museum ist nicht nur für Kinder einen Besuch wert.

Die Fahrt in die Picos de Europa. Die Spitzen von Europa, diese Berge heißen so, weil dies die ersten Berge waren, die von den Seefahrern erkannt wurden, wenn sie aus Amerika kamen. Schon die Fahrt hinauf in die Berge ist nichts für Leute mit Höhenangst.

Picos de Europa

Das Besucherpublikum, das normalerweise mit Bussen heraufgebracht wird, ist sehr gemischt und verteilt sich schnell auf die entsprechenden Routen. Die meisten Touristen in Schläppchen verteilen sich rund um die Bergseen, die man in 10 min. erreichen kann und bestaunen die Landschaft und die Kühe. An so einem Hochsaisonwochenende ist das Verhältnis Kühe : Menschen schon an sich bestaunenswert.

Nach einer halben Stunde, ist man selbst in der Hochsaison die meisten Mittouristen los und nach einer weiteren halben Stunde hat man die Berge so gut wie für sich. Wir wandern durch Felsformationen und bestaunen die Bergbuchen, die sehr klein und knorrig sind und ich komme mir vor wie in einem Fantasiefilm.

Nach einer weitern Stunde haben wir einen wunderbaren Aussichtpunkt entdeckt. Vor uns liegt das gesamte Bergpanorama und über uns kreisen die Geier. Karl May lässt grüßen. Ich versuche eine Mitstreiterin zu überzeugen, sich auf einen großen Felsbrocken zu legen und sich tot zu stellen, um ein paar gute Fotos zu schießen – meine Kameraauflösung reicht sonst einfach nicht für ein gutes Geierbild.  Sagen wir mal so, ich habe immer noch kein gutes Geierbild, aber ich habe ganz wunderbare Erinnerungen an diesen Tag.

Am Abend vorher hatten wir noch ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Hinter unserem Hotel ging eine kleine Straße den Hügel hinauf in einen noch kleineren Ort, wenn man die Ansammlung von 10 Häusern so nennen kann. Dort gab es eine Cidre- und Apfelschnapsproduktion und der Chef gab bereitwillig Kostproben und Erklärungen. Cidre wird dort in so einem hohen Bogen ins Glas gegossen, dass kein Auge trocken bleibt, wenn man nicht geschickt genug dazu ist. Von seiner Terrasse aus hatten wir gleichzeitig einen herrlichen Blick auf die Berge im Sonnenuntergang.

Küstenwanderung Nordspanien

Naturerlebnisse hautnah

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